top of page

Pre-Mortem: Den Ausfall durchspielen, bevor er passiert

  • Autorenbild: 36consulting
    36consulting
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Sie kennen diese Risikoworkshops. Am Tisch sitzt das ganze Team, die Moderation fragt in die Runde, was schiefgehen könnte, und die Antworten bleiben höflich. Niemand will den Plan der Chefin schlechtreden, kurz bevor er beschlossen wird. Am Ende steht eine brave Liste allgemeiner Risiken, und alles bleibt beim Plan. Zwei Quartale später fällt genau das aus, worüber im Workshop niemand gesprochen hat.


Die Warnungen sind da. Irgendjemand am Tisch ahnt meistens genau, wo der Plan reißen wird, und behält es für sich, weil offene Kritik im falschen Moment nach Illoyalität aussieht. Das Pre-Mortem nach Gary Klein dreht die Blickrichtung um und schafft den Raum, das auszusprechen.


Die Idee: Der Ausfall ist bereits passiert


Klassisches Risikomanagement fragt: Was könnte schiefgehen? Diese Frage lädt zu vorsichtigen Antworten ein. Das Pre-Mortem stellt sie anders. Das Team springt gedanklich in die Zukunft und nimmt den Ausfall als feststehende Tatsache an. Die Moderation formuliert es so: „Wir sind zwölf Monate weiter. Unser wichtigstes System ist ausgefallen. Es ist passiert. Was war die Ursache?“


Dieser kleine Wechsel der Perspektive verändert die Gesprächsdynamik grundlegend. Wer eine bereits eingetretene Niederlage erklärt, muss den Plan nicht mehr in Schutz nehmen. Kritik wird vom Loyalitätsbruch zur naheliegenden Analyse. Gary Klein hat das Verfahren 2007 in der Harvard Business Review beschrieben. Er stützt sich dabei auf eine Untersuchung von Deborah J. Mitchell, J. Edward Russo und Nancy Pennington aus dem Jahr 1989, wonach diese Technik der vorausschauenden Rückschau die Treffsicherheit bei der Ursachensuche um rund 30 Prozent erhöht.


Für den Aufbau von Redundanz ergänzt 36consulting das Pre-Mortem um einen zweiten Baustein, den Optionenbaum. Jede identifizierte Ausfallursache wird in drei Fragen übersetzt: Welche parallele Option würde sie entschärfen? Was kostet diese Option im Normalbetrieb? Und ab welchem Signal wird sie aktiviert? So wird aus einer Liste von Sorgen ein Bauplan für Parallelrouten.


Wann dieses Werkzeug passt


Das Pre-Mortem entfaltet seine Wirkung vor allem in bestimmten Situationen:


  • vor Entscheidungen, die Abhängigkeiten bündeln, etwa der Wechsel auf eine einzige Bezugsquelle, eine Standortkonsolidierung oder eine Systemmigration

  • in der Jahresplanung, um Redundanzbudgets gegen konkrete Szenarien statt gegen ein diffuses Sicherheitsgefühl zu begründen

  • nach einem Beinahe-Ausfall, solange die Aufmerksamkeit noch da ist und bevor der Alltag sie wieder verschluckt

  • bei Vorhaben mit auffällig hoher Zuversicht und wenig geäußertem Widerspruch, wo die scheinbare Einigkeit selbst ein Warnsignal ist

  • als wiederkehrendes Format für die drei kritischsten strategischen Abhängigkeiten einer Organisation


Wann dieses Werkzeug nicht einsetzen


Genauso wichtig wie der richtige Einsatz ist das Wissen, wann das Werkzeug fehl am Platz ist. Vier Situationen sprechen ausdrücklich dagegen.


In der akuten Krise. Das Pre-Mortem ist ein Analyse- und Präventionsformat. Wenn der Ausfall bereits eingetreten ist, braucht die Organisation Krisenmanagement und schnelle Entscheidungen, keine Szenarioarbeit. Die strukturelle Aufarbeitung folgt später, wenn die akute Lage bewältigt ist.


Wenn die Entscheidung faktisch schon gefallen ist. Ein Pre-Mortem, das nur noch Zustimmung für einen längst beschlossenen Plan einsammeln soll, verkehrt sich in sein Gegenteil. Die Beteiligten spüren die fehlende Ergebnisoffenheit und liefern zahme Szenarien. Voraussetzung ist echte Bereitschaft, den Plan noch zu ändern.


Wenn die psychologische Sicherheit fehlt. Das Format lebt davon, dass jede Person den Plan der Führung gedanklich scheitern lassen darf. In Kulturen, in denen Kritik am Plan als Illoyalität gilt, produziert das Pre-Mortem strategisches Schweigen statt Diagnose. Dann gilt es zuerst, an dieser Sicherheit zu arbeiten.


Wenn die Bereitschaft fehlt, in Optionen zu investieren. Das Werkzeug erzeugt eine Liste konkreter Verwundbarkeiten. Bleibt diese Liste ohne Budget und ohne Konsequenz, lernen alle Beteiligten nur eines: Die Risiken sind bekannt, und niemand handelt. Das nährt Zynismus und entwertet jedes künftige Format.


Die sechs Schritte


Erstens: Ausgangslage teilen. Das Team braucht ein gemeinsames Bild dessen, worum es geht: die drei wichtigsten Abhängigkeiten, den Projektplan, die geplante Architektur. Ohne gemeinsames Bild entstehen keine brauchbaren Szenarien.


Zweitens: Den Ausfall zur Tatsache erklären. Zeitsprung zwölf Monate nach vorn. Die Moderation setzt den Ausfall als geschehen. Die Formulierung lautet „es ist passiert“, im Indikativ, ohne jede Abschwächung.


Drittens: Ursachen still und einzeln sammeln. Jede Person schreibt einige Minuten für sich alle Gründe auf, die zum Ausfall geführt haben. Diese stille Einzelarbeit ist der Kern des Formats. Sie schützt vor Gruppendenken und davor, dass die ranghöchste Stimme den Ton setzt.


Viertens: Ursachen zusammentragen und verdichten. Reihum nennt jede Person je einen Grund, bis alle Listen abgearbeitet sind. Doppelungen werden zusammengeführt. Das Ergebnis ist eine ungeschönte Landkarte der Verwundbarkeiten, meist deutlich konkreter als jedes Risikoregister.


Fünftens: Priorisieren. Jede Ursache wird nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenswirkung bewertet. Der Fokus liegt auf den Ursachen, die auf Einzelabhängigkeiten zeigen: einzelne Lieferanten, einzelne Personen, einzelne Systeme, einzelne Routen.


Sechstens: Optionenbaum bauen. Für jede priorisierte Ursache werden die drei Fragen beantwortet: Welche parallele Option entschärft sie, was kostet diese Option im Normalbetrieb, ab welchem Signal wird sie aktiviert? Die Antworten wandern als konkrete Redundanz-Investitionen in die Planung, jeweils mit verantwortlicher Person und Termin.


Die typischen Fehler


Drei Fallstricke tauchen in der Praxis regelmäßig auf. Der erste: Schritt drei als offene Diskussion zu führen statt als stille Einzelarbeit. Dann bekommt der Raum die Szenarien der ranghöchsten Person, und die Wirkung des Formats verpufft.


Der zweite Fehler ist es, beim Sammeln stehen zu bleiben. Ein Pre-Mortem ohne Optionenbaum erzeugt Problembewusstsein ohne Handlung. Erst die Übersetzung in parallele Optionen mit Budget und Auslösesignal baut tatsächlich Redundanz auf.


Der dritte Fehler ist die Einmaligkeit. Abhängigkeiten verändern sich mit jedem Lieferantenwechsel und jeder Systemeinführung. Als jährlicher Rhythmus in der Planung wirkt das Pre-Mortem, als einmaliges Event verliert es seinen Wert.


Warum das eine Organisation stärker macht


Karl Weick und Kathleen Sutcliffe haben in ihrer Forschung zu besonders zuverlässigen Organisationen ein Merkmal herausgearbeitet, das sie die ständige Beschäftigung mit dem Scheitern nennen. Die widerstandsfähigsten Organisationen behandeln schwache Signale und Beinahe-Ausfälle als Fenster in die eigenen Schwachstellen, nicht als Beruhigung. Das Pre-Mortem ist die praktische Form dieser Haltung. Es beschäftigt sich mit dem Scheitern, solange es noch abwendbar ist.


Aus dieser Beschäftigung entsteht mehr als eine Risikoliste. Jedes durchgespielte Szenario wird zu institutionellem Wissen, jede identifizierte Lücke zu einer Investitionsentscheidung. So lernt eine Organisation aus Ausfällen, die noch gar nicht stattgefunden haben, und baut ihre Reserven dort auf, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Damit wird sie antifragil: Jede durchgespielte Störung macht sie für die echte widerstandsfähiger.

Quellen


  • Gary Klein: Performing a Project Premortem, Harvard Business Review (September 2007). Methodik des Pre-Mortem.

  • Deborah J. Mitchell, J. Edward Russo, Nancy Pennington: Back to the future: Temporal perspective in the explanation of events, Journal of Behavioral Decision Making (1989). Wirkung der vorausschauenden Rückschau.

  • Karl Weick, Kathleen Sutcliffe: Managing the Unexpected (2007). Ständige Beschäftigung mit dem Scheitern als Merkmal besonders zuverlässiger Organisationen.

  • Der Optionenbaum als Ergänzung des Pre-Mortem beruht auf der Beratungspraxis von 36consulting.

Welche Abhängigkeit würde Ihre Organisation am härtesten treffen, und hätte sie heute eine zweite Option? Wenn Sie das Pre-Mortem einmal auf Ihre kritischste Abhängigkeit anwenden möchten, freuen wir uns über den Austausch.

36consulting – Pulsschlag, Ausgabe Juli 2026

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page