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Der Lieferant, den niemand ersetzen konnte

  • Autorenbild: 36consulting
    36consulting
  • vor 1 Tag
  • 4 Min. Lesezeit

Als der Krieg in der Ukraine begann, standen bei Volkswagen, BMW, Porsche und Mercedes die Bänder still. Der Grund war der Kabelbaum, das Nervensystem eines Fahrzeugs: kein Hightech-Chip, aber ein aufwendig von Hand gefertigtes und hochgradig kundenspezifisches Bauteil. Rund jeder siebte in der EU verbaute Kabelbaum kam damals aus der Ukraine, gefertigt in westukrainischen Werken, unter anderem des Nürnberger Zulieferers Leoni. Für diese Teile gab es praktisch keine Lager und keinen kurzfristigen Ersatz. Die Deutsche Bank schätzte, dass bei einem völligen Versorgungsstopp bis zu 1,5 Millionen Fahrzeuge nicht gebaut werden könnten.


Der Auslöser war neu, das Muster war es nicht. Eine kritische Abhängigkeit ohne Ausweichoption, über Jahre aus Kostengründen so gebaut. Dieses Muster begegnet uns in der Beratung immer wieder, nur selten so sichtbar wie an einem stillstehenden Automobilwerk.


Ein Vorzeigebereich, der die Krise gebaut hat


Ein mittelständischer Elektronikzulieferer, rund 250 Mitarbeiter:innen, hatte über Jahre seinen Einkauf konsequent verschlankt. Für die kritische Baugruppe gab es einen Hauptlieferanten, dazu einen Logistikpartner und einen Fertigungsstandort. Die Konditionen waren exzellent, die Marge hat sich sichtbar verbessert. Intern hat der Einkauf als Vorzeigebereich gegolten, und aus Sicht der klassischen Kennzahlen zu Recht.


Dann hat der Hauptlieferant Insolvenz angemeldet. Von einem Quartal auf das nächste ist die Belieferung ins Stocken geraten. Bestellungen wurden nicht mehr bestätigt, der Insolvenzverwalter hat andere Kunden bevorzugt. Ein zweiter Lieferant war nicht qualifiziert, und die Zulassung eines Ersatzes für die kritische Baugruppe dauert Monate. Rund acht Wochen lang konnte das Unternehmen nicht in gewohnter Menge liefern. Es hat zwei Schlüsselkunden verloren und danach über ein Jahr gebraucht, um das Vertrauen zurückzugewinnen.


Die Aufarbeitung hat gezeigt, wie die Verwundbarkeit entstanden ist. Schuld war am Ende niemand persönlich. Jede einzelne Bündelung hatte Kosten gesenkt und war für sich vernünftig gewesen. Erst in der Summe ist daraus eine Abhängigkeit von einer einzigen Quelle geworden, im Fachjargon ein Single Point of Failure. Diese Summe hat im Tagesgeschäft nie jemand angesehen.


Warum ein schneller Ersatz zu kurz greift


Der naheliegende Reflex nach so einem Ereignis lautet: schneller einen Ersatzlieferanten finden. Das behebt das akute Symptom und lässt die Ursache stehen. Beim nächsten Mal fällt eine andere Abhängigkeit aus, an die gerade niemand denkt. Widerstandsfähigkeit beginnt eine Ebene früher, bei einer Frage: Wo überall hängt unsere Handlungsfähigkeit an einem einzigen Faden?


Aus dieser Frage ist eine dreistufige Intervention entstanden.


Schritt 1: Die Abhängigkeitslandkarte. Zunächst wurden alle kritischen Abhängigkeiten systematisch erfasst: Lieferanten, Logistikrouten, Schlüsselpersonen, IT-Systeme. Jede wurde nach zwei Fragen bewertet. Wie wahrscheinlich ist ein Ausfall? Und wie lange überlebt die Organisation ihn? Erst die zweite Frage macht den Unterschied zwischen einem Ärgernis und einer Existenzbedrohung sichtbar.


Schritt 2: Parallelrouten für die kritischsten Abhängigkeiten. Für die drei gefährlichsten Abhängigkeiten wurde je eine zweite Option qualifiziert: ein Zweitlieferant mit einem laufenden Grundvolumen, bewusst zu schlechteren Konditionen als der Hauptlieferant, eine alternative Logistikroute, dokumentierte Vertretungen für Schlüssel-Know-how. Entscheidend war ein Detail. Die zweite Option läuft im Normalbetrieb mit. Ein Zweitlieferant, der jahrelang nichts liefert, bleibt im Ernstfall ein bloßer Eintrag in einer Liste.


Schritt 3: Redundanz als Investitionsposition. Die Mehrkosten der Parallelrouten erscheinen seither als eigene Zeile in der Jahresplanung, ausgewiesen als das, was sie sind: eine Versicherungsprämie mit definierter Deckung. Damit ist die Reserve gegen das nächste Sparprogramm geschützt. Wer sie streichen will, muss ausdrücklich entscheiden, das Risiko wieder selbst zu tragen. Aus einer stillen Kürzung wird eine bewusste Risikoübernahme.


Damit die Landkarte nicht veraltet, hat das Unternehmen zusätzlich einen festen Rhythmus eingeführt. Einmal im Jahr spielt das Leitungsteam die nächste denkbare Störung gedanklich durch, bevor sie eintritt, und prüft, ob neue Abhängigkeiten entstanden sind. So bleibt die Abhängigkeitslandkarte ein lebendiges Werkzeug. Jeder Lieferantenwechsel und jede neue Software verschiebt die Landschaft der kritischen Punkte.


Was die Reserve wirklich kostet


Die Parallelrouten kosten real Marge, Jahr für Jahr, sichtbar in jeder Kalkulation. In drei von vier Jahren wirkt die zweite Quelle wie totes Kapital, und genau so wird sie intern immer wieder infrage gestellt. Der Zweitlieferant liefert zudem nicht in identischer Qualität, was laufenden Abstimmungsaufwand erzeugt. Das Unternehmen hat sich Widerstandsfähigkeit gekauft und dafür mit einem Stück Effizienz bezahlt.


Diese Rechnung gehört offen auf den Tisch, sonst kippt die Entscheidung beim ersten Kostendruck. Resilienzkapital ist eine Haltung, die jede Budgetrunde aufs Neue verteidigt werden muss. Ein einmaliger Beschluss genügt nicht, weil die Reserve sonst still wieder verschwindet, gerade dann, wenn die Zahlen gut aussehen und der letzte Ausfall lange her ist.


Was die Organisation widerstandsfähig macht


Der entscheidende Unterschied zwischen dem Elektronikzulieferer und den Automobilwerken von 2022 liegt nicht im Schock. Schocks treffen jeden. Der Unterschied liegt in der Vorbereitung. Eine Parallelroute lockert die enge Kopplung zwischen der Organisation und ihrer einen Bezugsquelle. Fällt die eine Quelle aus, fängt die zweite den Schlag ab, statt ihn ungebremst durch das ganze System laufen zu lassen.


Eine widerstandsfähige Organisation zieht ihre Stärke aus der Fähigkeit, Störungen ohne Substanzverlust zu überstehen und aus jedem durchgestandenen Fall zu lernen, wo die nächste Reserve nötig ist. Wer aus Störungen lernt und daran wächst, wird antifragil. Der stillgestandene Kabelbaum war für die einen eine Katastrophe. Für die Vorbereiteten war er der Beweis, dass sich die Prämie gelohnt hat.

Quellen


  • Handelsblatt, electrive.net, springerprofessional.de (2022): Berichterstattung zur Kabelbaum-Krise infolge des Ukraine-Kriegs; Anteil ukrainischer Kabelbäume in der EU, Werke des Zulieferers Leoni.

  • Deutsche Bank (2022, Schätzung): Prognose von bis zu 1,5 Millionen nicht produzierbaren Fahrzeugen bei völligem Versorgungsstopp aus der Ukraine.

  • McKinsey Global Institute: Risk, resilience, and rebalancing in global value chains (2020). Zweitlieferanten und Transportredundanz als Resilienzhebel.

  • Charles Perrow: Normal Accidents (1984). Enge Kopplung als Verwundbarkeit, lose Kopplung als Puffer.

  • Das Fallbeispiel des Elektronikzulieferers beruht auf anonymisierter Beratungserfahrung von 36consulting.

Kennen Sie die Abhängigkeit in Ihrem Haus, deren Ausfall Sie am härtesten träfe? Wenn Sie diese Frage nicht sofort beantworten können, sind Sie in guter Gesellschaft. Wir sprechen gern mit Ihnen darüber, wie sich solche blinden Flecken sichtbar machen lassen.

36consulting – Pulsschlag, Ausgabe Juli 2026

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