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Entscheidungskorridore: Wie Teams eigenständig handeln, ohne ins Leere zu laufen

  • Autorenbild: 36consulting
    36consulting
  • 7. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Gut gemeint heißt nicht gut gemacht. Das gilt auch für Selbstorganisationsinitiativen. So starten diese stets mit gutem Willen. Sie kippen jedoch dann, wenn niemand weiß, was er oder sie eigenständig entscheiden darf. Leitplanken als Ermächtigungsrahmen lösen genau dieses Problem. Kontrolle spielt hier keine Rolle. Leitplanken definieren, was Teams ohne Rückfrage und Freigabe dürfen. Was Sie dadurch erreichen, sind Teams, die aktiv und selbst entscheiden, wenn sie ihren Entscheidungskorridor kennen. Tun sie das nicht, fragen oder vermeiden sie erneut.


Wann helfen Leitplanken?


Neuaufstellung. Leitplanken helfen beim Start oder in der Konsolidierungsphase von Selbstorganisationsprojekten.


Falsche Delegation. Leitplanken helfen, wenn Teams Entscheidungen nach oben delegieren, die sie eigenständig treffen sollten.


Richtige Delegation. Leitplanken helfen bei der Übergabe von Entscheidungsverantwortung an neue Teams, neue Rollen oder neue Führungskräfte.


Fehlende Entscheidungsklarheit. Leitplanken helfen, wenn Führungskräfte zum Entscheidungsengpass werden, weil unklar ist, was das Team selbst entscheiden darf.


Reorganisation. Leitplanken helfen nach Reorganisationen, in denen alte Entscheidungsstrukturen wegfallen.


Wann schaden Leitplanken mehr als sie nützen?


Die Beschäftigung mit Selbstorganisationswerkzeugen konzentriert sich auf den positiven Fall. Für ein vollständiges Bild achten Sie auch auf diese Situationen.


Das Team hat noch keine gemeinsame Wertebasis. Leitplanken funktionieren, wenn das Team das Prinzip versteht. Fehlt dieses Fundament, erlebt das Team Leitplanken als willkürliche Regeln und behandelt sie entsprechend mit Umgehen oder Ignorieren. Das kehren Sie um durch ein gemeinsames Verständnis davon, wozu delegierte Entscheidungsfreiheit da ist.


Führungskräfte sind nicht bereit loszulassen. Leitplanken, die formell eingeführt, aber informell unterlaufen werden, sind gefährlicher als keine. Wenn eine Führungskraft trotz definierter Korridore regelmäßig eingreift oder nachfragt, lernt das Team: Die Leitplanken gelten nicht wirklich. Das beschädigt das Vertrauen, das entstehen soll, doppelt: Zuerst durch Unklarheit, dann durch Ungültigkeit.


Die Leitplanken sind nicht legitimiert. Leitplanken, die ohne Einbindung des Teams von oben kommen, erleben Mitarbeiter:innen als aufgezwungene Regeln. Das ist das Gegenteil von Ermächtigung. Der Prozess der Leitplankendefinition ist also genauso wichtig wie das Ergebnis: Teams müssen die Korridore mitgestalten, damit sie sie als ihre eigenen verstehen und entsprechend nutzen.


Sie befinden sich in einer akuten Krise. Krisen erfordern rasche Entscheidungsklarheit. Der richtige Zeitpunkt für Leitplankenarbeit ist eher die ruhige Phase vor der nächsten Störung. Leitplanken entstehen in stabilen Zeiten und wirken bei Turbulenz.


Vom Entscheidungschaos zum Korridor in sechs Schritten


Schritt 1: Entscheidungslandkarte erstellen.

Das Team sammelt alle Entscheidungen der letzten drei Monate und ordnet sie vier Typen zu:

  • lokal eigenständig, d.h. ohne Rückfrage

  • abgestimmt, d.h. entscheiden, aber informieren

  • strategisch, d.h. der Kontext kommt vom Team, die Entscheidung von oben

  • unternehmensweit, d.h. zentrale Governance

Ziel ist ein gemeinsames Bild des Ist-Standes von Entscheidungen. Erfahrungsgemäß zeigt diese Übung, dass ein großer Teil der Entscheidungen, die informell nach oben wandern, eigentlich in die Kategorie „lokal eigenständig" gehört. Die Landkarte macht damit auch Unausgesprochenes sichtbar.


Schritt 2: Autonomiezonen benennen.

In diesem Schritt klären Sie für welche Entscheidungsfelder das Team künftig ohne Rückfrage entscheiden soll. Das Team verhandelt aus, was lokal eigenständig konkret bedeutet. „Operative Entscheidungen" ist dabei ein ungenügender Rahmen. Ein wirksamer ist „Alle Ausgaben bis 3.000 EUR im laufenden Projektbudget."


Schritt 3: Bedingungen formulieren.

Der Leitplankensatz lautet: „In … entscheiden wir als Team ohne Rückfrage, solange … gilt und … nicht überschritten wird." Die Leerstellen befüllt das Team mit Entscheidungen Bedingungen und Grenzwerten. Bedingungen sind hier das Herzstück. Sie sorgen für Handlungssicherheit und lassen gleichzeitig Urteilsvermögen zu.


Schritt 4: Eskalationslogik klären.

In diesem Schritt klären Sie, ab wann eine Leitplanke als überschritten gilt. Sie definieren in der Runde, wen das Team einbezieht, auf welchem Weg und wie schnell. Beantworten Sie diese Fragen vor einer Eskalation! Denn nur mit einer Eskalationslogik ist eine Leitplanke vollständig.


Schritt 5: Pilotphase (4–8 Wochen).

Jetzt testen Sie die erste Version der Leitplanken im Alltag. Das Team beobachtet, welche Entscheidungen gut funktionieren, welche Unsicherheiten entstehen und wo die Korridore zu eng oder zu weit sind. Ziel der Phase ist Erfahrung sammeln.


Schritt 6: Review und Anpassung.

Ganz wichtig ist: Leitplanken sind keine Satzung. Sie sind ein lernendes System. Prüfen Sie daher monatlich in nur einer halben Stunde: Was hat funktioniert? Welche Entscheidungen hat das Team zu lange aufgeschoben? Wo hätte es eskalieren sollen? Auf Basis dieser Reflexion justieren Sie mit dem Team die Leitplanken.


Fehler, die Leitplanken wirkungslos machen


Zu weite Formulierungen. „Wir entscheiden alle operativen Fragen selbst" ist keine Leitplanke. Leitplanken brauchen Konkretheit, d.h. sie definieren operative Wirkung, Betragsschwellen und konkrete Zeiträume. Nur wenn diese konkret sind, entsteht Handlungssicherheit.


Leitplanken ohne Team-Einbindung. Wenn Sie das Team übergehen, fühlen sich Leitplanken wie Regeln von oben an. Der Prozess der gemeinsamen Definition ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.


Keine Revisionslogik. Organisationen verändern sich. Leitplanken, die Sie einmal definieren und nie wieder anschauen, verlieren mit der Zeit an Legitimität und Realitätsnähe. Achten Sie daher drauf, dass Leitplanken mitziehen.


Warum machen Leitplanken Organisationen widerstandsfähiger?


Das Werkzeug der Leitplanken verändert etwas Grundlegendes: Eine Organisation, die Leitplanken einsetzt, reagiert auf Störungen während jene ohne auf Entscheidungen wartet. Das hat System: Fragile Systeme reagieren auf Störungen mit Eskalation. Ein Problem wandert so weit nach oben, bis jemand entscheidet. Antifragile Systeme umgekehrt reagieren mit lokaler Entscheidung: Das Team entscheidet dort, wo das Problem entstanden ist, weil es weiß, dass es das darf. Leitplanken schaffen genau diesen Unterschied. Sie dezentralisieren Unsicherheit und ermöglichen damit, was antifragile Organisationen von fragilen unterscheidet: Teams, die bei Störungen nicht warten, sondern handeln.


Den vollständigen Prozess inkl. Entscheidungslandkarte, Formulierungshilfen und Anpassungslogik finden Sie im Buch Strukturen der Freiheit – Werkzeuge für Wandel und Antifragilität, S. 61. von Andreas Hieger, Stefan Ladstätter-Thaa, Matyas Bodor und Thomas Nowotny.

 
 
 

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