Als Entscheidungen nicht mehr durchgekommen sind.
- 36consulting

- 10. März
- 3 Min. Lesezeit
Das Unternehmen war mitten in einem Übernahmeprozess und der neue Eigentümer hat eine Integrationszentrale eingerichtet. Alle Entscheidungen sind über eine 400 Kilometer entfernte Freigabestelle gelaufen. Von Lieferantenverträgen über Personalfragen bis zu Prozessanpassungen.
Das gemeinte gut Ziel des Eigentümers für die Einrichtung dieser neuen Zentrale war Konsistenz zur Vermeidung von unkontrollierten Alleingängen und Wildwuchs. Deren eigentlicher Effekt jedoch war Lähmung: Anfragen haben sich gehäuft und Reaktionszeiten von Tagen auf Wochen verlängert. Die operative Ebene hat auf Entscheidungen gewartet, die ausgeblieben sind und derweil selbst gar keine mehr getroffen.
Das eigentliche Problem
Selbst eine grundsätzlich gute Entscheidungsqualität konnte eine immense Bremswirkung – teils bis zum Stillstand – nicht verhindern. Die Ursache dafür und somit das eigentliche Problem war: viele Entscheidungen hätten bereits woanders getroffen werden können und müssen. Dennoch mussten sie zur Zentrale.
Folgende Beispiele zeigen, den beschriebenen Effekt und das verbundene Strukturversagen: - Ein Teamleiter, der seinen Schichtplan anpassen wollte, hat drei Wochen auf Freigabe gewartet. - Eine Einkäuferin, die einen Liefervertrag verlängern musste, hat die Anfrage zweimal eskaliert – ohne Reaktion. - Ein Abteilungsleiter hat aufgehört, Verbesserungsvorschläge einzureichen, weil für ihn unklar war, wer sie überhaupt bearbeiten würde.
Eine Entscheidungsstruktur als Hebel
Was das Unternehmen als Antwort auf das Problem entwickelt hat, war eine Taxonomie bzw. Liste aller regelmäßig anfallenden Entscheidungen, gegliedert in vier Ebenen.
Ebene-1-Entscheidungen: lokal, eigenständig. Entscheidungen dieser Ebene trifft jedes Team selbst ohne Rückfrage, Freigabe oder Berichtspflicht. Möglich ist das etwa bei der Schichtplanung, der Lieferantenwahl innerhalb einer Budgetkategorie oder kleineren Prozessanpassungen im eigenen Bereich. Voraussetzung für das Funktionieren auf dieser Ebene ist die Definition von Leitplanken und eines klaren Rahmens.
Ebene-2-Entscheidungen: abgestimmt. Entscheidungen dieser Ebene liegen zwar in der Verantwortung einer Einheit, betreffen aber auch andere. Wer etwas ändert, das Auswirkungen auf ein benachbartes Team hat, stimmt sich ab. Statt des Einholens einer Erlaubnis berücksichtigt dieses Vorgehen das legitime Interesse aller Betroffenen.
Ebene-3-Entscheidungen: strategisch. Entscheidungen dieser Ebene erfordern den Abgleich mit der darüberliegenden Strategie und daher Freigaben. Das gilt z.B. für kundenrelevante Kommunikation, Positionierungsänderungen und Partnerschaften. Nur wenige Entscheidungen gehören in diese Kategorie. Wenn mehr als ein Drittel aller Anfragen hier landen, stimmt die Entscheidungsstruktur nicht.
Ebene-4-Entscheidungen: unternehmensweit. Entscheidungen dieser Ebene sind Teil der Governance, haben unternehmensweite oder haftungsrelevante Implikationen und müssen daher an oberster Stelle getroffen werden. Beispiele dafür sind Investitionsentscheidungen ab einer definierten Größe, externe Beteiligungen und regulatorisch relevante Schritte.
Was sich verändert hat
Nach der Einführung der vierschichtigen Entscheidungsstruktur ist die Eskalationsquote innerhalb von acht Wochen deutlich gesunken. Das war möglich, weil nun allen klar war, was wo zu entscheiden und wann zu eskalieren war.
Umgekehrt ist in vielen Organisationen das Fehlen von Klarheit ein primärer Grund für Eskalationen. Denn: Weiterleiten ist der sicherste Weg, wenn unklar ist, wer welche Entscheidung treffen darf.
Was nicht funktioniert hat
Die best-designten Maßnahmen wirken nur lückenlos, wenn sie ohne Ausnahme die gesamte Organisation lebt. Die Praxis im gegenständlichen Unternehmen hat auch Stellen gezeigt, an denen es zu Friktionen gekommen ist.
So haben die Führungskräfte zweier Abteilungen weiterhin und konsequent Ebene-1-Entscheidungen korrigiert, wenn ihnen das Ergebnis nicht gefallen hat. Binnen sechs Wochen haben die betroffenen Teams wieder alles eskaliert. Verantwortlich dafür war das Signal, das die beiden Führungskräfte mit ihrem über die Regelung Hinwegsetzen gesendet haben.
Was in den beiden Abteilungen geschehen ist, lässt sich als strukturelles Muster in vielen Organisationen beobachten: Formale Delegation, die durch informelle Kontrolle untergraben wird, produziert gewissermaßen das Schlechteste aus beiden Welten: Verantwortung ohne Handlungsmacht.
Die eigentliche Lektion
Welcher Schluss lässt sich daraus ziehen? Wer Verantwortung übergibt, ohne die eigene Rolle danach anzupassen, schafft einen Widerspruch. Und dieser führt in der Regel zu neuerlichen Eskalationen. Denn wenn Führungskräfte nach Einführung einer vergleichbaren Lösung die formale Delegation faktisch aushöhlen, ist das ein Symptom unvollständig gedachter Delegation.
Ebenso evident ist, dass dezentrale Entscheidungsstrukturen weniger mit Vertrauen, denn mit Ausgestaltung zu tun haben. Folgende Frage hilft dabei: Wer hat für die jeweilige Entscheidung den besten Kontextzugang, und welche Leitplanken braucht diese Person, damit sie die Entscheidung effektiv und erfolgreich treffen kann?
Eine abschließende Betrachtung
Forschung zum Umgang mit Krisen in dezentral organisierten Unternehmen zeigt: Dort, wo Mitarbeiter:innen innerhalb klarer Grenzen eigenständig entscheiden können, ist die Reaktionsgeschwindigkeit auf externe Störungen signifikant höher. Sie handeln in Störungssituationen unmittelbar, anstatt auf eine überlastete Freigabestelle zu warten.
Also lässt sich abschließend feststellen: Wenn ein System unter Druck kommt, zeigt sich, wo Entscheidungen wirklich hingehören.
Quellen
Karl E. Weick, Kathleen M. Sutcliffe: Managing the Unexpected – Resilient Performance in an Age of Uncertainty (2007), Wiley
Chehab et al.: Decentralization and Organizational Resilience During Crises (2025), MDPI Sustainability, doi.org/10.3390/su18042032



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