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Der Konflikt als Diagnose

  • Autorenbild: 36consulting
    36consulting
  • 3. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Achtzehn Monate. So lange hat der Konflikt zwischen dem Vertriebsleiter und der Produktionsleiterin eines mittelständischen Unternehmens gedauert. Zweimal hatte HR moderiert. Einmal hatte die Geschäftsführung ein direktes Gespräch geführt und deutliche Worte gesprochen. Beide Parteien hatten versprochen, konstruktiver zu sein.

Der Konflikt blieb bestehen, weil niemand die entscheidende Frage gestellt hatte.


Was passiert war


Das Unternehmen, ein Zulieferer im Maschinenbau mit rund 400 Mitarbeitenden, war in den Jahren zuvor stark gewachsen. Der Vertrieb hatte neue Kunden gewonnen, ambitionierte Lieferzusagen gemacht und Umsatz gesteigert. Die Produktion hatte gleichzeitig unter Kapazitätsdruck gestanden, Termine verschoben und Qualitätsprobleme bekommen.

Der sichtbare Konflikt: Der Vertrieb hat Versprechungen gemacht, die die Produktion nicht halten konnte. Die Produktion hat Abläufe blockiert, die der Vertrieb als selbstverständlich erwartet hatte. Beide Seiten hatten das Gefühl, die andere arbeite gegen sie.

Die Erklärungen sind dem üblichen Muster gefolgt. Der Vertrieb: Die Produktion ist unflexibel und hat kein Verständnis für Kundenanforderungen. Die Produktion: Der Vertrieb macht Zusagen, ohne die operativen Konsequenzen zu bedenken. Beide Diagnosen haben gestimmt und trotzdem das eigentliche Problem verfehlt.


Was das Anreizsystem mit dem Konflikt zu tun hatte


Die Analyse hat mit einer Frage begonnen: Welche Ziele hat das System den beiden Parteien gesetzt?

Die Antwort war eindeutig. Die Bonusstruktur des Vertriebs hing am Auftragsvolumen: je mehr Aufträge, desto besser. Die Bonusstruktur der Produktion hing an Termintreue und Fehlerquoten: je pünktlicher und fehlerfreier, desto besser. Zwei Systeme, zwei gegenläufige Logiken. Der Vertrieb hat seinen Bonus für maximales Auftragsvolumen bekommen, die Produktion für maximale Stabilität. Der Konflikt war die logische Konsequenz eines Steuerungssystems, das Zusammenarbeit strukturell bestrafte.

Beide hatten recht. Unter den Rahmenbedingungen, die das System ihnen gesetzt hatte, war ihr jeweiliges Verhalten rational. Das war die eigentliche Diagnose, unbequemer als die Frage, wer konstruktiver sein sollte.


Der antifragile Hebel: Struktur statt Appell


Die erste Reaktion der Geschäftsführung auf diese Diagnose war Unbehagen. Denn die Konsequenz war klar: Das Problem lag bei einem Steuerungssystem, das die Geschäftsführung selbst eingeführt hatte.

Die Intervention hat deshalb bei der Struktur angesetzt statt beim Kommunikationstraining.


Schritt 1: Gemeinsame Diagnose

Der erste Schritt war ein halbtägiger Workshop mit beiden Parteien, HR und der Geschäftsführung. Auf der Agenda standen die Bedingungen, unter denen der Konflikt entstanden war. Die Leitfrage lautete: Was müsste wahr sein, damit beide Positionen gleichzeitig Sinn ergeben?

Die Antwort brauchte keine lange Diskussion. Alle im Raum hatten die strukturelle Logik erkannt, manche schon länger. Was fehlte, war der Rahmen, in dem das ausgesprochen werden konnte, ohne als persönlicher Vorwurf zu gelten.


Schritt 2: Gemeinsame Kennzahl

Die Geschäftsführung hat das Anreizsystem angepasst. Vertrieb und Produktion haben eine gemeinsame Kennzahl erhalten: Kundenzufriedenheit, gemessen an Lieferqualität und Termintreue aus Kundenperspektive. Diese neue Logik hat beide Abteilungen in dieselbe Richtung ausgerichtet.

Das bedeutete konkret: Ein Vertriebsabschluss, der die Produktion überforderte, wurde zum Problem beider Parteien. Eine Produktionsverzögerung, die einen Kunden verärgerte, genauso.


Schritt 3: Reflexionsrhythmus

Einmal im Monat haben sich beide Leitungen für 45 Minuten getroffen, mit einer festen Agenda: Welche Kundensituationen waren im vergangenen Monat kritisch? Wo sind neue Spannungen entstanden? Und was muss strukturell angepasst werden, etwa bei der Kapazitätsplanung, der Auftragsannahme oder den Kommunikationsregeln?

Aus diesem Rhythmus wurde ein lernender Prozess.


Was sich verändert hat

Nach sechs Monaten war das Muster erkennbar verändert. Die eskalierenden Einzelfälle sind seltener geworden. Beide Leitungen haben begonnen, Probleme frühzeitig gemeinsam anzusprechen, statt sie aufzustauen. Die Kundenzufriedenheitswerte haben sich verbessert.

Der entscheidende Effekt war strukturelle Ausrichtung: Beide Parteien beantworteten jetzt dieselbe Frage. Was braucht der Kunde? Zuvor hatte jede Seite eine eigene Antwort darauf. Die Reibung blieb, hatte aber eine Richtung.


Was ehrlich gesagt werden muss

Die Intervention hat den Konflikt transformiert.

Nach der Strukturveränderung sind neue Spannungen entstanden: über die Interpretation der gemeinsamen Kennzahl, über die Priorisierung bei Kapazitätsengpässen, über die Frage, wann ein Auftrag angenommen werden sollte. Diese Spannungen waren real, und sie zeigen ein System, das auf einem neuen Niveau arbeitet.


Die Konflikte nach der Intervention waren substanzieller als die, die davor eskaliert sind: echte Entscheidungsdilemmas statt Schuldfragen.

Eine Organisation ohne Konflikte ist entweder eine, die nicht arbeitet, oder eine, in der niemand mehr spricht. Der Unterschied liegt im Niveau der Konflikte und darin, ob das System sie produktiv bearbeiten kann.


Kennen Sie ähnliche Konstellationen: zwei Bereiche, die gegeneinander arbeiten, obwohl beide rational handeln? Wir freuen uns, von Ihren Erfahrungen zu hören.

 
 
 

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